Die Vor- und Nachteile der Dummheit Nr. 5. Schlaue Chefs und kluge Regeln

Kennen Sie das auch? Sie haben eine gute Idee und präsentieren diese Ihrem Chef. Wenn Sie einen guten Chef haben und der auch noch einen guten Tag hat, wird die Idee begeistert aufgenommen, Sie dürfen Sie in die Tat umsetzen, Sie werden gelobt und verbessern Ihre Aufstiegschancen. So macht die Arbeit Spaß!

Es kann aber auch anders kommen.

Ihr Chef erklärt Ihre Idee für idiotisch; drei Tage später präsentiert er sie in der Konferenz als seine eigene Idee.

Oder Ihr Chef unterbricht Sie, hört Ihnen gar nicht zu, gibt Ihnen zu verstehen, dass er genervt ist.

Oder Ihr Chef hört zwar zu, versteht die Idee aber trotzdem nicht. Weil er aber nach eigener Einschätzung superintelligent ist, kommt er zu dem Schluss, dass es sich nur um eine saudumme Idee handeln kann. Wenn sich die Idee doch irgendwann mal durchsetzt, wird er z.B. sagen, dass Sie nicht in der Lage gewesen seien, die Idee nachvollziehbar zu präsentieren, dass außerdem er selbst oder ein anderer Mitarbeiter diese Idee schon viel früher gehabt hätten.

Die Firma Siemens hat 350.000 Mitarbeiter/-innen und viele Chefs, und nicht alle sind immer perfekt. Um den Schaden, der durch deren Sünden verursacht wird, einzugrenzen, wurde ein Innovationsfond bereitgestellt, ausgestattet mit hundert Millionen Euro.[1] An der Höhe dieser Summe ist erkennbar, wie hoch der Schaden durch solches Vorgesetztenverhalten eingeschätzt wird.

Wenn ein Mitarbeiter mit einer Idee bei seinem Vorgesetzten nicht durchkommt, kann er sie bei einem unabhängigen Gremium einreichen. Bislang sind über 80% dieser Vorschläge als brauchbar befunden und finanziell honoriert worden. Wenn ein Chef zuvor eine solche Idee abgelehnt und auch noch schlecht über sie geredet hat, hat er sich doppelt disqualifiziert. Lernfähige Chefs werden sich zukünftig anders verhalten.

Eine kluge, intelligente Regel! Sie ist gut für den ideenreichen Mitarbeiter und den Betrieb. Auf Kritik wird sie bei weniger klugen Vorgesetzten stoßen, die ihre Position aufgrund ihrer Schlauheit und Skrupellosigkeit errungen haben, und die mehr um ihr eigenes Wohl als das der Menschheit allgemein und der Firma im Besonderen besorgt sind.

[1] SPIEGEL-Gespräch mit Janina Kugel, Personalchefin bei Siemens, und Claudia Nemat, Technologievorstand bei der Deutschen Telekom. DER SPIEGEL. 42/2017, S. 74-76.

Die Vor- und Nachteile der Dummheit. Nr. 4: The masters of the universe

Wir waren fünf und konnten vor Kraft kaum laufen. Gemessenen Schrittes gingen wir die Straße entlang. Nicht etwa auf dem Bürgersteig, nein, wir gingen nebeneinander und nahmen die ganze Straße ein. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn sich uns jemand in den Weg gestellt hätte. Wir waren unbesiegbar. Zu sagen, wir waren die Masters of the Universe, wäre vielleicht übertrieben, aber viel hat nicht gefehlt.

Ok, heute – um einige Jahrzehnte Lebenserfahrung und einige psychologische Erkenntnisse bereichert – sehe ich das anders. Wir waren 9-10 Jahre alt, vier Volks- und ein Hilfsschüler aus einer Eisenbahnersiedlung in Duisburg. Wir waren in verschiedenen Schulklassen, aber jeder war der Stärkste in seiner Klasse. (Bis auf mich, ich war nur der Zweitstärkste.) Und wenn sich uns eine gleichaltrige ähnlich geartete Gruppe entgegengestellt hätte, hätten wir die Auseinandersetzung wahrscheinlich gewonnen. Aber schon der Anblick eines Polizisten löste in uns kaum beherrschbare Fluchtreflexe aus. Und außer einer großen Klappe hatten wir nicht viel zu bieten.

Kurzum, ein krasser Fall von Selbstüberschätzung, alles andere als eine kluge, reflektierte, realitätsgerechte Einstellung. Zu unserer Verteidigung kann ich allerdings anführen, dass von diesem Phänomen nicht nur zehnjährige Lausebengel befallen sind, sondern dass fast alle Menschen zumindest zeitweise von ihr betroffen sind.

Selbstüberschätzung (auch Vermessenheitsverzerrung, Hybris, overconfidence) ist eine Form der systematischen Fehleinschätzung eigenen Könnens und eigener Kompetenzen. Man kann drei Arten der Selbstüberschätzung unterscheiden: Einschätzung 1. der aktuellen Leistung, 2. Einschätzung der Leistung relativ zur Leistung anderer Menschen und 3. Einschätzung des eigenen Wissens. Die fünf Duisburger Straßenjungen dürften in allen drei Bereichen Spitzenwerte erzielt haben. Selbstüberschätzung ist keine generelle Persönlichkeitseigenschaft eines Menschen. Sie ist in der Regel kontextabhängig.1

Fazit: Dieses Gefühl der Stärke, dieses Selbstbewusstsein – ich möchte das Erlebnis, das in erster Linie unserer damaligen Dummheit zu verdanken war, nicht missen.

1Seite „Selbstüberschätzung“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 14. April 2017, 16:45 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Selbst%C3%BCbersch%C3%A4tzung&oldid=164560513 (Abgerufen: 5. Oktober 2017)