Peer-Review-Verfahren zur Qualitätsverbesserung rechtspsychologischer Gutachten

Die folgenden Ausführungen stellen eine Stellungnahme mit weitergehenden Vorschlägen zu folgendem Aufsatz von Rainer Banse dar: Qualitätsgutachten von rechtspsychologischen Sachverständigengutachten durch ein moderiertes Peer-Reviewverfahren: Ein Vorschlag zur Diskussion. Praxis der Rechtspsychologie, 2017, 27, 113-130.

Rainer Banse hat – wie ich finde – einen ganz hervorragenden Vorschlag zur Qualitätsverbesserung rechtspsychologischer Gutachten gemacht; das von ihm konzipierte moderierte Peer-Review-Verfahren müsste eigentlich genügend Gutachter (hier können immer auch Gutachterinnen gemeint sein) überzeugen, so dass einem Praxistest nichts im Wege steht.

Es wird ein System vorgeschlagen, das sich an dem bei wissenschaftlichen Publikationen etablierten Peer-Review-Verfahren orientiert. Sachverständige, die bereits eine rechtspsychologische Qualifikation – z.B. Fachpsychologe für Rechtspsychologie (DGPs/BDP) – erworben haben, schließen sich auf freiwilliger Basis zusammen und geben sich gegenseitig Rückmeldung. Jeder Teilnehmer stellt z.B. zwei Gutachten jährlich anonymisiert zur Verfügung, diese werden von zwei Kollegen bewertet. Damit investiert jeder Gutachter so viel Zeit, wie er von anderen in Anspruch nimmt; das System beruht auf Gegenseitigkeit, eine Honorierung entfällt. Eine zentrale Rolle kommt den „Moderatoren“ zu, analog den Herausgebern von Fachzeitschriften. Diese Tätigkeit müsste angemessen honoriert werden, um qualifizierte Personen zu gewinnen. Die Moderatoren melden die Gutachten der Peers vollständig zurück, der Reviewer bleibt anonym. „Ziel der Begutachtung ist das Erkennen von systematischen Fehlern, Wissensdefiziten, Missverständnissen, suboptimalen Vorgehensweisen, umzureichender Methodik und anderer Mängel, die in der zukünftigen Arbeit der Sachverständigen vermieden werden können“ (S. 125). Es wird eine positive Fehlerkultur angestrebt, dazu muss das Feedback als konstruktiv, sachlich und fair erlebt werden. 

Ich selbst habe zwar die Gutachterei aus Altersgründen mittlerweile aufgegeben, wäre aber sonst mit Sicherheit dabei. Die Moderatoren, also die Entsprechung zu den Herausgebern wissenschaftlicher Publikationen, haben dann zu entscheiden, ob jemand weiterhin das Zertifikat nach diesem Modell führen darf, wobei ein Einspruch gegen eine solche Entscheidung möglich ist.

Ergänzen möchte ich, dass es mir sinnvoll erscheint, dass diese noch eine zweite Frage entscheiden sollten: Haben die Peer-Reviewer gut gearbeitet? Zu diesem Zweck sollte jeder Teilnehmer seinerseits die Peer-Reviews zu seinen Gutachten bewerten. Sollten die Stellungnahmen mehrerer Teilnehmers darauf hindeuten, dass die Stellungnahmen der Peer-Reviewer nicht allzuviel taugen, sollte auch ihr Verbleib in diesem Zirkel in Frage gestellt werden. Das wäre dann wie etwa bei Amazon: Jeder kann sein Urteil über ein Buch abgeben, aber jeder kann auch angeben, wie hilfreich er diese Ausführungen gefunden hat.

Zurecht wird die Luftfahrt als besonders positives Beispiel eines sich selbst verbessernden Systems dargestellt. Ich vermute, dass einer der Gründe dafür ist, dass alle Nutzer von diesem System profitieren. Konkret: Wenn ein Flugzeug abstürzt, sind die Überlebenschancen des Kapitäns und der Erste-Klasse-Passagiere nicht viel größer als die der sich selbst ladenden Fracht in der Holzklasse.

Es war einmal – so fangen Märchen an, Geschichten, die sich nicht unbedingt haargenau so zugetragen haben, denen aber meist ein wahrer Kern innewohnt – ein Gutachter, der ein unglaubliches Pensum an Schuldfähigkeitsgutachten schaffte. Diese waren nach einhelliger Meinung der Fachleute grottenschlecht und eine Fundgrube für Fehler, die als abschreckendes Beispiel bei der Gutachterfortbildung angeführt werden konnten. Ein Kollege fragte mal einen der auftraggebenden Richter, wie es möglich sei, dass dieser Fließbandarbeiter immer wieder neue Aufträge bekäme. Der Richter antwortete, dass dem Gericht klar sei, dass es mit der Qualität dieser Gutachten nicht so weit her sei. Aber dieser Sachverständige habe zwei große Vorzüge: Er lehne keinen Auftrag ab und liefere sehr schnell. Er werde beauftragt, wenn das Ergebnis eigentlich von vornherein feststehe. In schwierigen Fällen beauftrage das Gericht einen „richtigen“ Gutachter.

Gemeinsam mit einem langjährigen Vorsitzenden einer Strafkammer und Strafvollstreckungskammer habe ich mal eine Fortbildungsveranstaltung bestritten. Im Pausengespräch sagte er, dass er schon etliche sehr schlechte Gutachten erhalten habe, jedoch nur in zwei Fällen die Bezahlung verweigert habe. Der Grund hierfür: So eine Ablehnung gerichtsfest zu begründen, sei extrem zeitaufwändig; er habe noch andere Interessen, die er am Wochenende verfolgen möchte.

Jedenfalls: Der Wurm sollte nicht (nur) dem Angler und seinen Anglerkollegen schmecken, sondern auch (und vor allem) dem Fisch. Ein Film mag bei den Kritikern große Begeisterung auslösen, beim Publikum aber total durchfallen. Von daher wäre auch eine Rückmeldung der Auftraggeber von großem Nutzen. Bei Prognosegutachten – die ich vornehmlich gemacht habe – sind das entweder Richter oder Psychologen im Strafvollzug. Die müssen die Gutachten ja ohnehin lesen, warum sollten sie nicht gebeten werden, eine Bewertung der Gutachten vorzunehmen?

Vereinzelt geschieht dies bereits, etwa bei Prognosegutachten im Auftrag von Maßregelvollzugskliniken in Nord-Rhein-Westfalen gemäß § 16 Abs. 3 des NRW-Maßregelvollzugsgesetzes. Die Gutachten sind mit einem Anschreiben, das auch eine Bewertung enthält, dem Landschaftsverband zu schicken, der Gutachter erhält eine Kopie. Allerdings sind die mir bekannt gewordenen Kommentare sehr knapp, z.B. „. . . in der Anlage senden wir Ihnen dass von . . .  erstellte Gutachten, mit dessen Inhalt wir im vollen Umfange einverstanden sind. Das Gutachten entspricht in allen Punkten den Anforderungen“.

Auch die externen Prognosegutachten für den Strafvollzug in Hessen werden für die Aufsichtsbehörde bewertet, allerdings bekommt der Gutachter diese Bewertungen nicht zugeschickt. Ich bin erst darauf gestoßen, als ich in einem Fall ein Folgegutachten erstattet hatte. Hier werden fünf Aspekte bewertet: Verständlichkeit, Nachvollziehbarkeit, Vollständigkeit, Nachprüfbarkeit und Nutzen.

Das schien mir eine gute Vorlage zu sein; ich habe einen Bogen entwickelt mit einer Tabelle, in der diese fünf Punkte aufgeführt sind, die jeweils nach dem Schulnotensystem (von 1 = sehr gut bis 6 = ungenügend) bewertet werden sollten; darüberhinaus ist noch Platz für weitere Bemerkungen. Diesen Bogen habe ich jedem Gutachten beigelegt und um Bearbeitung gebeten. Und in den meisten Fällen habe ich bei diesem niederschwelligen Angebot tatsächlich eine Rückmeldung erhalten. Allerdings habe ich diese Praxis nach einiger Zeit aus zwei Gründen wieder aufgegeben. Der erste war, dass ich die Begeisterung für meine Kreation nicht auf andere übertragen konnte, z.B. nicht auf die Mitglieder des Fachteams, dessen Supervisor ich war. Zweitens waren die insgesamt acht Rückmeldungen insofern nicht sehr ergiebig, als die Varianz sehr gering war. (Meine Bescheidenheit verbietet es mir, die genauen Ergebnisse mitzuteilen.)

Diese Gesichtspunkte könnten vielleicht noch Berücksichtigung finden, und es gibt sicherlich noch weitere. Auf jeden Fall schlage ich vor, Banses gut durchdachten Vorschlag aufzugreifen. Anonyme Rückmeldungen auf Gegenseitigkeit, konstruktiv und kollegial, fokussiert auf Mängel, die in der zukünftigen Arbeit der Sachverständigen vermieden werden können – davon würde ich mir eine signifikante Verbesserung der Gutachtenqualität versprechen!