Die Vor- und Nachteile der Dummheit Nr. 6. Ein wohlsortierter Bücherschrank zum Spartarif – dank Dummheit!

Gläubiger haben ein besseres Gedächtnis als Schuldner. (Benjamin Franklin, 1706-1790).

Einer Kollegin, nennen wir sie DE, die ich über viele Jahre mehrmals die Woche gesehen habe – wir gingen zusammen zum Mittagessen, nahmen gemeinsam an vielen Konferenzen in der Klinik und Tagungen im In- und Auslande teil – erzählte ich eines Tages, dass ich am Wochenende einen ganz alten Freund besuchen würde. Wir haben auf der selben Schule Abitur gemacht und an derselben Uni studiert, er Jura, ich Psychologie. Ich sagte, dass das wohl der intelligenteste Mensch sei, mit dem ich je näher bekannt war, dass ich mit ihm in alten Studententagen auf seinen Wunsch einen Intelligenztest durchgeführt habe und dass er hier so gut abgeschnitten habe, dass er die Normen gesprengt habe.

DE sagte zwar nichts dazu, aber ich hatte den Eindruck, dass sie guckte, als hätte ich sie beleidigt. Das verwunderte mich und gab mir zu denken. Tage später hatte ich plötzlich eine Vermutung, wie das zu erklären sein könnte. Zwar hatte sie nie direkt gesagt, dass sie sich für außerordentlich intelligent halte, aber verschiedene Äußerungen deuteten in diese Richtung. Vor allem sprach sie des Öfteren von ihrem hervorragenden Gedächtnis, sie habe z.B. ein Hotel in einer mittelgroßen Stadt, dass sie vielleicht zehn Jahre zuvor einmal besucht hatte, auf Anhieb wiedergefunden. Meine Hypothese: DE ging davon aus, dass selbstverständlich sie der intelligenteste Mensch sei, mit dem ich jemals näher bekannt war.

Und ich glaube auch, dass sie ein überdurchschnittlich gutes Gedächtnis hat, und dass sie etwa bei Tests wie dem Nachsprechen von Zahlen (Kurzzeitgedächtnis) gut abschneiden würde. Auch erzählte sie häufig erstaunliche Details etwa bezüglich der Schulleistungen der Kinder von gar nicht mal so engen Bekannten. Natürlich konnte ich das nicht nachprüfen, und ich wüsste auch keinen Grund, warum ich das hätte tun sollen.

Auf der anderen Seite offenbarte sie auch erstaunliche Gedächtnislücken. So erzählte ich gelegentlich auch mal etwas von meinen beiden Töchtern, und auch nach vielen Jahren fragte sie, wenn ich nur den Vornamen einer Tochter nannte, ob dies die jüngere oder die ältere Tochter sei. Bis zu meinem Vordiplom in Psychologie waren Intelligenz und Gedächtnis zwei Bereiche, die mich besonders faszinierten, gerade auch so Phänomene wie ein Supergedächtnis bei geistig behinderten Menschen („idiot savant“) oder die Lebensuntüchtigkeit eines Genies („Fachidiot“).

Einmal sprachen wir darüber, dass nicht jeder jede Gelegenheit ausnutzt, um sich zu bereichern. Ich sagte, dass ich zwar wüsste, wie man einer alten Frau eine Handtasche wegnehmen könne, ohne dabei erwischt zu werden, dass ich aber keinerlei Bedürfnis verspüre, dieses in die Tat umzusetzen. Am nächsten Tag sagte mir DE genau dieses, auf ihre Person bezogen, als ob sie selbst auf die Idee gekommen sei. Offensichtlich hatte sie vergessen, dass ich die Quelle ihrer Weisheit war.

Einmal erzählte DE von einem Treffen, auf dem auch ein Vorgesetzter von mir teilgenommen hatte. Dieser habe schlecht über alle möglichen Leute geredet, auch über mich. Unter uns gesagt, die Berichte über die Leistungen der Kinder von Menschen, zu denen ich keinerlei persönliche Beziehungen habe, haben mich nicht so sehr interessiert, aber nun hatte sie meine Neugier geweckt. Ich hatte aus verschiedenen Vorkommnissen geschlossen, dass ich ziemlich weit oben auf der Abschussliste dieses Vorgesetzten stand, aber seine Taktik war, dies allen möglichen Leuten zu sagen, nicht aber denen, die er loswerden wollte. Ich fragte also, was er denn über mich gesagt habe. Leider versagte ihr Gedächtnis in diesem Punkt.

Ein gemeinsames Hobby war das Klavierspielen. DE hatte als Kind Unterricht gehabt und spielte vorwiegend Klassik, ich war Autodidakt und spielte Jazz, Barmusik und hatte mit meinem intelligenten Freund während der Studienjahre in einem Tanzmusikquartett gespielt, für uns die wichtigste Finanzquelle in diesen Jahren.

Ich betätigte mich auch als Pianist in einem Kabarett, wo ich einen bestimmten Marsch spielen sollte. Meine Kollegin erwähnte, dass sie zu Hause ein Notenheft mit deutschen Märschen hatte. Ich bat sie, mir dies doch mal auszuleihen, sie stimmte sofort zu. Als ich bei nächster Gelegenheit danach fragte, hatte sie jedoch vergessen, das Heft mitzubringen. Ich frage dann noch ein paar Mal, sie hatte jedoch jeweils nicht daran gedacht und irgendwann gab ich auf. Das passierte noch 2-3mal mit anderen Notenheften.

Einmal erzählte ich von einem Büchlein eines erfahrenen Klavierprofessors, der unkonventionelle Ratschläge für Pianisten humorvoll verpackt beschrieb, z.B. welche Übungen man machen könne, wenn ein Finger verletzt sei.

DE fragte, ob ich das Buch schon ausgelesen habe, was ich bejahte, und ob ich es ihr mal ausleihen könne. Das bejahte ich wiederum und am nächsten Tag brachte ich ihr das Büchlein mit.

Vielleicht 2-3 Monate gingen ins Land, da wollte ich noch einmal etwas in dem Klavierbüchlein nachlesen. Ich fragte DE, ob sie es schon ausgelesen habe, was sie verneinte. Ich bat sie, mir das Büchlein trotzdem erst mal wieder zu geben, sie könne es dann ja wiederbekommen. Wie immer und wie ich es nicht anders erwartet hatte, sagte sie sofort zu.

Als ich sie das nächste Mal nach dem Büchlein fragte, hatte sie es vergessen. Ich wollte ihr nicht zu sehr auf den Wecker gehen und fragte sie zunächst nur bei jedem zweiten bis dritten Treffen danach, immer mit demselben Ergebnis. Langsam wurde ich jedoch etwas ungeduldig, und eines Tages beschloss ich, sie ganz konsequent bei jedem Wiedersehen nach dem Büchlein zu fragen, mich dafür nicht zu entschuldigen und mir auch keine Mühe zu geben, dies in einem übermäßig höflichen Ton zu tun.

Und es geschah das, was ich kaum noch für möglich gehalten hatte: Nach dem – gefühlt – zwanzigsten Mal – wahrscheinlich war es nur fünfzehnmal, oder vielleicht sogar nur zehnmal – öffnete sich eines Morgens die Tür meines Büros, eine zornig dreinblickende DE knallte mir das Klavierbüchlein auf den Schreibtisch und verließ grußlos den Raum.

Das Klavierbüchlein war unversehrt, nicht befleckt, nicht verschmutzt – ich konnte mein Glück kaum fassen. Schnell steckte ich es in meinen Aktenkoffer, am Abend packte ich es aus, seitdem hüte ich es wie meinen Augapfel.

DE schien mir aber schon bald mein unverschämtes Verhalten verziehen zu haben, wir arbeiteten danach noch einige Jahre zusammen, ohne dass sich ein solcher Vorfall noch einmal ereignet hätte. Allerdings habe ich an zwei Regeln, die ich aus dieser Lektion abgeleitet habe, stets eisern festgehalten: Erstens, du darfst DE niemals etwas leihen, was du noch brauchen könntest. Zweitens, du darfst DE niemals bitten, dir etwas zu leihen.

Auch DE hat wohl ihre Lehren aus dieser Sache gezogen. Sie hat mich nie mehr gebeten, ihr etwas zu leihen. Und sie hat mir auch nie mehr etwas geliehen. Zwar hat sie des Öfteren angekündigt, mir etwas zu leihen, z.B. irgendwelche Kochbücher, hat diese Drohung aber nie realisiert.

Aber wie komme ich nun darauf, dass ich nicht der Einzige bin, bei dem sie Bücher geliehen hat, und dass ihr Bücherschrank zu einem guten Teil mit geliehenen Büchern gefüllt ist? Zumal ich den nie in Augenschein genommen habe?

Es handelt sich, um das klar zu stellen, um eine reine Fantasie meinerseits, eine Hypothese, die ich mir aufgrund meiner Erfahrungen zusammengereimt habe. Es ist hier nicht der Platz, alle Einzelheiten auszubreiten, aber die wichtigsten Indizien sollen hier aufgeführt werden.

Meine Erfahrung mit dem Klavierbüchlein deutet darauf hin, dass DE keinen wesentlichen Unterschied zwischen ausleihen und geschenkt bekommen macht. Sie leiht sich ein Buch und geht davon aus, dass der Ausleihende irgendwann vergisst, dass und an wen er das Buch ausgeliehen hat. Er hat das Buch ja schon gelesen und braucht es wahrscheinlich nicht mehr. Wenn er es unbedingt braucht, kann er es sich ja seinerseits ausleihen oder schlimmstenfalls neu kaufen, so teuer sind Bücher ja nicht.

Ich glaube nicht, dass DE es quasi professionell darauf anlegt, andere um ihren Besitz zu bringen. Dann hätte sie auf meine Bitte, mir das Buch wieder mitzubringen, eher geantwortet, dass sie das Buch ja nie bekommen habe, das müsse eine Verwechslung sein, die bei meinem schlechten Gedächtnis ja nicht so verwunderlich wäre. Oder, sie habe mir das Buch doch schon vor Wochen zurückgegeben. (Oder beides: „Erstens habe ich das Buch nie von dir bekommen, und zweitens habe ich es dir schon vor Wochen zurückgegeben!“ Aber das interessante Phänomen, dass – mitunter sogar in Intelligenztests überdurchschnittlich abschneidende – Menschen sich krasser logischer Widersprüche in ihren Äußerungen nicht bewusst sind, ist eine andere Geschichte.) Vielmehr glaube ich, dass sie zu Hause einfach nicht mehr an meine Bitte, ihr mein Buch wiederzugeben, gedacht hat, also es schlicht vergessen hat. Erst, als ich – in ihren Augen – von Mal zu Mal dreister und unverschämter wurde, war ihr Zorn so stark geworden, dass sie auch zu Hause an das Buch dachte und es – vielleicht schweren Herzens – in ihre Diensttasche steckte, in der Hoffnung, in Zukunft von meinen penetranten Fragen verschont zu bleiben.

DE ist Ärztin, und immer wieder mal wurde sie von Pharmareferenten besucht. Einem Gespräch zwischen ärztlichen Kollegen habe ich entnommen, dass man diesen gegenüber auch Bücherwünsche äußern konnte, die diese dann in der Regel erfüllt haben. (Das ist jetzt viele Jahre her, ich weiß nicht, ob das heute noch der Fall ist.) Warum sollte man sich Fachbücher kaufen, wenn man sie von der Pharmaindustrie, die ja wahrhaftig genug Geld hat, geschenkt bekommt?

Dann fand ich auffällig, dass DE mir erzählte, sie habe ein bestimmtes Fachbuch gekauft, und zwar erzählte sie das nicht nur einmal, sondern so zwischen drei- und fünfmal. Darüber habe ich mich gewundert, weil ich schon während meiner Studienzeit einen großen Teil meines – allerdings sehr kargen – Budgets für Fachbücher ausgegeben habe. Und als ich dann Geld verdient habe, habe ich mir mehr Bücher gekauft, als ich Zeit zu lesen hatte, was ich aber nie für besonders erwähnenswert gehalten habe. Daher vermute ich, dass ein solcher Kauf für DE eine ganz besondere, seltene Angelegenheit ist. Sie ist es einfach gewohnt, dass sie Bücher geschenkt bekommt oder sie sich ausleiht und dann das Zurückgeben vergisst. Ferner ist es nützlich zu vergessen, dass man selbst zugesagt hat, einem anderen ein Buch zu leihen, so borgt man dem Bücherschwund vor.

Aber kann man diese Form des Vergessens als „Dummheit“ bezeichnen? Ich denke schon. Es handelt sich um unintelligentes Verhalten. Für eine gute Intelligenz ist ein gutes Gedächtnis Voraussetzung, und ein schwaches Gedächtnis spricht zunächst einmal für eine nicht so gute Intelligenz. Aber hier wird auch deutlich, dass dieser spezifische Mangel an Intelligenz nicht bedeutet, dass der ganze Mensch unintelligent ist. Fast jeder hat ja seine Stärken und Schwächen. Und manchmal können diese Schwächen sehr lukrativ sein.

Ich halte also meine Hypothese aufrecht: Eine bestimmte Form der Dummheit, eine selektive Gedächtnisschwäche, kann dazu beitragen, einen  wohlsortierten Bücherschrank zum Spartarif zu haben.

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