Die Vor- und Nachteile der Dummheit

Nr. 6. Ein wohlsortierter Bücherschrank zum Spartarif – dank Dummheit!

Einer Kollegin, nennen wir sie DE, die ich über viele Jahre mehrmals die Woche gesehen habe – wir gingen zusammen zum Mittagessen, nahmen gemeinsam an vielen Konferenzen in der Klinik und Tagungen im In- und Auslande teil – erzählte ich eines Tages, dass ich am Wochenende einen ganz alten Freund besuchen würde. Wir haben auf der selben Schule Abitur gemacht und an derselben Uni studiert, er Jura, ich Psychologie. Ich sagte, dass das wohl der intelligenteste Mensch sei, mit dem ich je näher bekannt war, dass ich mit ihm in alten Studententagen auf seinen Wunsch einen Intelligenztest durchgeführt habe und dass er hier so gut abgeschnitten habe, dass er die Normen gesprengt habe.

DE sagte zwar nichts dazu, aber ich hatte den Eindruck, dass sie guckte, als hätte ich sie beleidigt. Das verwunderte mich und gab mir zu denken. Tage später hatte ich plötzlich eine Vermutung, wie das zu erklären sein könnte. Zwar hatte sie nie direkt gesagt, dass sie sich für außerordentlich intelligent halte, aber verschiedene Äußerungen deuteten in diese Richtung. Vor allem sprach sie des Öfteren von ihrem hervorragenden Gedächtnis, sie habe z.B. ein Hotel in einer mittelgroßen Stadt, dass sie vielleicht zehn Jahre zuvor einmal besucht hatte, auf Anhieb wiedergefunden. Meine Hypothese: DE ging davon aus, dass selbstverständlich sie der intelligenteste Mensch sei, mit dem ich jemals näher bekannt war.

Und ich glaube auch, dass sie ein überdurchschnittlich gutes Gedächtnis hat, und dass sie etwa bei Tests wie dem Nachsprechen von Zahlen (Kurzzeitgedächtnis) gut abschneiden würde. Auch erzählte sie häufig erstaunliche Details etwa bezüglich der Schulleistungen der Kinder von gar nicht mal so engen Bekannten. Natürlich konnte ich das nicht nachprüfen, und ich wüsste auch keinen Grund, warum ich das hätte tun sollen.

Auf der anderen Seite offenbarte sie auch erstaunliche Gedächtnislücken. So erzählte ich gelegentlich auch mal etwas von meinen beiden Töchtern, und auch nach vielen Jahren fragte sie, wenn ich nur den Vornamen einer Tochter nannte, ob dies die jüngere oder die ältere Tochter sei. Bis zu meinem Vordiplom in Psychologie waren Intelligenz und Gedächtnis zwei Bereiche, die mich besonders faszinierten, gerade auch so Phänomene wie ein Supergedächtnis bei geistig behinderten Menschen („idiot savant“) oder die Lebensuntüchtigkeit eines Genies („Fachidiot“).

Einmal sprachen wir darüber, dass nicht jeder jede Gelegenheit ausnutzt, um sich zu bereichern. Ich sagte, dass ich zwar wüsste, wie man einer alten Frau eine Handtasche wegnehmen könne, ohne dabei erwischt zu werden, dass ich aber keinerlei Bedürfnis verspüre, dieses in die Tat umzusetzen. Am nächsten Tag sagte mir DE genau dieses, auf ihre Person bezogen, als ob sie selbst auf die Idee gekommen sei. Offensichtlich hatte sie vergessen, dass ich die Quelle ihrer Weisheit war.

Einmal erzählte DE von einem Treffen, auf dem auch ein Vorgesetzter von mir teilgenommen hatte. Dieser habe schlecht über alle möglichen Leute geredet, auch über mich. Unter uns gesagt, die Berichte über die Leistungen der Kinder von Menschen, zu denen ich keinerlei persönliche Beziehungen habe, haben mich nicht so sehr interessiert, aber nun hatte sie meine Neugier geweckt. Ich hatte aus verschiedenen Vorkommnissen geschlossen, dass ich ziemlich weit oben auf der Abschussliste dieses Vorgesetzten stand, aber seine Taktik war, dies allen möglichen Leuten zu sagen, nicht aber denen, die er loswerden wollte. Ich fragte also, was er denn über mich gesagt habe. Leider versagte ihr Gedächtnis in diesem Punkt.

Ein gemeinsames Hobby war das Klavierspielen. DE hatte als Kind Unterricht gehabt und spielte vorwiegend Klassik, ich war Autodidakt und spielte Jazz, Barmusik und hatte mit meinem intelligenten Freund während der Studienjahre in einem Tanzmusikquartett gespielt, für uns die wichtigste Finanzquelle in diesen Jahren.

Ich betätigte mich auch als Pianist in einem Kabarett, wo ich einen bestimmten Marsch spielen sollte. Meine Kollegin erwähnte, dass sie zu Hause ein Notenheft mit deutschen Märschen hatte. Ich bat sie, mir dies doch mal auszuleihen, sie stimmte sofort zu. Als ich bei nächster Gelegenheit danach fragte, hatte sie jedoch vergessen, das Heft mitzubringen. Ich frage dann noch ein paar Mal, sie hatte jedoch jeweils nicht daran gedacht und irgendwann gab ich auf. Das passierte noch 2-3mal mit anderen Notenheften.

Einmal erzählte ich von einem Büchlein eines erfahrenen Klavierprofessors, der unkonventionelle Ratschläge für Pianisten humorvoll verpackt beschrieb, z.B. welche Übungen man machen könne, wenn ein Finger verletzt sei.

DE fragte, ob ich das Buch schon ausgelesen habe, was ich bejahte, und ob ich es ihr mal ausleihen könne. Das bejahte ich wiederum und am nächsten Tag brachte ich ihr das Büchlein mit.

Vielleicht 2-3 Monate gingen ins Land, da wollte ich noch einmal etwas in dem Klavierbüchlein nachlesen. Ich fragte DE, ob sie es schon ausgelesen habe, was sie verneinte. Ich bat sie, mir das Büchlein trotzdem erst mal wieder zu geben, sie könne es dann ja wiederbekommen. Wie immer und wie ich es nicht anders erwartet hatte, sagte sie sofort zu.

Als ich sie das nächste Mal nach dem Büchlein fragte, hatte sie es vergessen. Ich wollte ihr nicht zu sehr auf den Wecker gehen und fragte sie zunächst nur bei jedem zweiten bis dritten Treffen danach, immer mit demselben Ergebnis. Langsam wurde ich jedoch etwas ungeduldig, und eines Tages beschloss ich, sie ganz konsequent bei jedem Wiedersehen nach dem Büchlein zu fragen, mich dafür nicht zu entschuldigen und mir auch keine Mühe zu geben, dies in einem übermäßig höflichen Ton zu tun.

Und es geschah das, was ich kaum noch für möglich gehalten hatte: Nach dem – gefühlt – zwanzigsten Mal – wahrscheinlich war es nur fünfzehnmal, oder vielleicht sogar nur zehnmal – öffnete sich eines Morgens die Tür meines Büros, eine zornig dreinblickende DE knallte mir das Klavierbüchlein auf den Schreibtisch und verließ grußlos den Raum.

Das Klavierbüchlein war unversehrt, nicht befleckt, nicht verschmutzt – ich konnte mein Glück kaum fassen. Schnell steckte ich es in meinen Aktenkoffer, am Abend packte ich es aus, seitdem hüte ich es wie meinen Augapfel.

DE schien mir aber schon bald mein unverschämtes Verhalten verziehen zu haben, wir arbeiteten danach noch einige Jahre zusammen, ohne dass sich ein solcher Vorfall noch einmal ereignet hätte. Allerdings habe ich an zwei Regeln, die ich aus dieser Lektion abgeleitet habe, stets eisern festgehalten: Erstens, du darfst DE niemals etwas leihen, was du noch brauchen könntest. Zweitens, du darfst DE niemals bitten, dir etwas zu leihen.

Auch DE hat wohl ihre Lehren aus dieser Sache gezogen. Sie hat mich nie mehr gebeten, ihr etwas zu leihen. Und sie hat mir auch nie mehr etwas geliehen. Zwar hat sie des Öfteren angekündigt, mir etwas zu leihen, z.B. irgendwelche Kochbücher, hat diese Drohung aber nie realisiert.

Aber wie komme ich nun darauf, dass ich nicht der Einzige bin, bei dem sie Bücher geliehen hat, und dass ihr Bücherschrank zu einem guten Teil mit geliehenen Büchern gefüllt ist? Zumal ich den nie in Augenschein genommen habe?

Es handelt sich, um das klar zu stellen, um eine reine Fantasie meinerseits, eine Hypothese, die ich mir aufgrund meiner Erfahrungen zusammengereimt habe. Es ist hier nicht der Platz, alle Einzelheiten auszubreiten, aber die wichtigsten Indizien sollen hier aufgeführt werden.

Meine Erfahrung mit dem Klavierbüchlein deutet darauf hin, dass DE keinen wesentlichen Unterschied zwischen ausleihen und geschenkt bekommen macht. Sie leiht sich ein Buch und geht davon aus, dass der Ausleihende irgendwann vergisst, dass und an wen er das Buch ausgeliehen hat. Er hat das Buch ja schon gelesen und braucht es wahrscheinlich nicht mehr. Wenn er es unbedingt braucht, kann er es sich ja seinerseits ausleihen oder schlimmstenfalls neu kaufen, so teuer sind Bücher ja nicht.

Ich glaube nicht, dass DE es quasi professionell darauf anlegt, andere um ihren Besitz zu bringen. Dann hätte sie auf meine Bitte, mir das Buch wieder mitzubringen, eher geantwortet, dass sie das Buch ja nie bekommen habe, das müsse eine Verwechslung sein, die bei meinem schlechten Gedächtnis ja nicht so verwunderlich wäre. Oder, sie habe mir das Buch doch schon vor Wochen zurückgegeben. (Oder beides: „Erstens habe ich das Buch nie von dir bekommen, und zweitens habe ich es dir schon vor Wochen zurückgegeben!“ Aber das interessante Phänomen, dass – mitunter sogar in Intelligenztests überdurchschnittlich abschneidende – Menschen sich krasser logischer Widersprüche in ihren Äußerungen nicht bewusst sind, ist eine andere Geschichte.) Vielmehr glaube ich, dass sie zu Hause einfach nicht mehr an meine Bitte, ihr mein Buch wiederzugeben, gedacht hat, also es schlicht vergessen hat. Erst, als ich – in ihren Augen – von Mal zu Mal dreister und unverschämter wurde, war ihr Zorn so stark geworden, dass sie auch zu Hause an das Buch dachte und es – vielleicht schweren Herzens – in ihre Diensttasche steckte, in der Hoffnung, in Zukunft von meinen penetranten Fragen verschont zu bleiben.

DE ist Ärztin, und immer wieder mal wurde sie von Pharmareferenten besucht. Einem Gespräch zwischen ärztlichen Kollegen habe ich entnommen, dass man diesen gegenüber auch Bücherwünsche äußern konnte, die diese dann in der Regel erfüllt haben. (Das ist jetzt viele Jahre her, ich weiß nicht, ob das heute noch der Fall ist.) Warum sollte man sich Fachbücher kaufen, wenn man sie von der Pharmaindustrie, die ja wahrhaftig genug Geld hat, geschenkt bekommt?

Dann fand ich auffällig, dass DE mir erzählte, sie habe ein bestimmtes Fachbuch gekauft, und zwar erzählte sie das nicht nur einmal, sondern so zwischen drei- und fünfmal. Darüber habe ich mich gewundert, weil ich schon während meiner Studienzeit einen großen Teil meines – allerdings sehr kargen – Budgets für Fachbücher ausgegeben habe. Und als ich dann Geld verdient habe, habe ich mir mehr Bücher gekauft, als ich Zeit zu lesen hatte, was ich aber nie für besonders erwähnenswert gehalten habe. Daher vermute ich, dass ein solcher Kauf für DE eine ganz besondere, seltene Angelegenheit ist. Sie ist es einfach gewohnt, dass sie Bücher geschenkt bekommt oder sie sich ausleiht und dann das Zurückgeben vergisst. Ferner ist es nützlich zu vergessen, dass man selbst zugesagt hat, einem anderen ein Buch zu leihen, so borgt man dem Bücherschwund vor.

Aber kann man diese Form des Vergessens als „Dummheit“ bezeichnen? Ich denke schon. Es handelt sich um unintelligentes Verhalten. Für eine gute Intelligenz ist ein gutes Gedächtnis Voraussetzung, und ein schwaches Gedächtnis spricht zunächst einmal für eine nicht so gute Intelligenz. Aber hier wird auch deutlich, dass dieser spezifische Mangel an Intelligenz nicht bedeutet, dass der ganze Mensch unintelligent ist. Fast jeder hat ja seine Stärken und Schwächen. Und manchmal können diese Schwächen sehr lukrativ sein.

Ich halte also meine Hypothese aufrecht: Eine bestimmte Form der Dummheit, eine selektive Gedächtnisschwäche, kann dazu beitragen, einen wohlsortierten Bücherschrank zum Spartarif zu haben.

Nr. 5. Schlaue Chefs und kluge Regeln

Kennen Sie das auch? Sie haben eine gute Idee und präsentieren diese Ihrem Chef. Wenn Sie einen guten Chef haben und der auch noch einen guten Tag hat, wird die Idee begeistert aufgenommen, Sie dürfen Sie in die Tat umsetzen, Sie werden gelobt und verbessern Ihre Aufstiegschancen. So macht die Arbeit Spaß!

Es kann aber auch anders kommen.

Ihr Chef erklärt Ihre Idee für idiotisch; drei Tage später präsentiert er sie in der Konferenz als seine eigene Idee.

Oder Ihr Chef unterbricht Sie, hört Ihnen gar nicht zu, gibt Ihnen zu verstehen, dass er genervt ist.

Oder Ihr Chef hört zwar zu, versteht die Idee aber trotzdem nicht. Weil er aber nach eigener Einschätzung superintelligent ist, kommt er zu dem Schluss, dass es sich nur um eine saudumme Idee handeln kann. Wenn sich die Idee doch irgendwann mal durchsetzt, wird er z.B. sagen, dass Sie nicht in der Lage gewesen seien, die Idee nachvollziehbar zu präsentieren, dass außerdem er selbst oder ein anderer Mitarbeiter diese Idee schon viel früher gehabt hätten.

Die Firma Siemens hat 350.000 Mitarbeiter/-innen und viele Chefs, und nicht alle sind immer perfekt. Um den Schaden, der durch deren Sünden verursacht wird, einzugrenzen, wurde ein Innovationsfond bereitgestellt, ausgestattet mit hundert Millionen Euro.[1] An der Höhe dieser Summe ist erkennbar, wie hoch der Schaden durch solches Vorgesetztenverhalten eingeschätzt wird.

Wenn ein Mitarbeiter mit einer Idee bei seinem Vorgesetzten nicht durchkommt, kann er sie bei einem unabhängigen Gremium einreichen. Bislang sind über 80% dieser Vorschläge als brauchbar befunden und finanziell honoriert worden. Wenn ein Chef zuvor eine solche Idee abgelehnt und auch noch schlecht über sie geredet hat, hat er sich doppelt disqualifiziert. Lernfähige Chefs werden sich zukünftig anders verhalten.

Eine kluge, intelligente Regel! Sie ist gut für den ideenreichen Mitarbeiter und den Betrieb. Auf Kritik wird sie bei weniger klugen Vorgesetzten stoßen, die ihre Position aufgrund ihrer Schlauheit und Skrupellosigkeit errungen haben, und die mehr um ihr eigenes Wohl als das der Menschheit allgemein und der Firma im Besonderen besorgt sind.

[1] SPIEGEL-Gespräch mit Janina Kugel, Personalchefin bei Siemens, und Claudia Nemat, Technologievorstand bei der Deutschen Telekom. DER SPIEGEL. 42/2017, S. 74-76.

Nr. 4: The masters of the universe

Wir waren fünf und konnten vor Kraft kaum laufen. Gemessenen Schrittes gingen wir die Straße entlang. Nicht etwa auf dem Bürgersteig, nein, wir gingen nebeneinander und nahmen die ganze Straße ein. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn sich uns jemand in den Weg gestellt hätte. Wir waren unbesiegbar. Zu sagen, wir waren die Masters of the Universe, wäre vielleicht übertrieben, aber viel hat nicht gefehlt.

Ok, heute – um einige Jahrzehnte Lebenserfahrung und einige psychologische Erkenntnisse bereichert – sehe ich das anders. Wir waren 9-10 Jahre alt, vier Volks- und ein Hilfsschüler aus einer Eisenbahnersiedlung in Duisburg. Wir waren in verschiedenen Schulklassen, aber jeder war der Stärkste in seiner Klasse. (Bis auf mich, ich war nur der Zweitstärkste.) Und wenn sich uns eine gleichaltrige ähnlich geartete Gruppe entgegengestellt hätte, hätten wir die Auseinandersetzung wahrscheinlich gewonnen. Aber schon der Anblick eines Polizisten löste in uns kaum beherrschbare Fluchtreflexe aus. Und außer einer großen Klappe hatten wir nicht viel zu bieten.

Kurzum, ein krasser Fall von Selbstüberschätzung, alles andere als eine kluge, reflektierte, realitätsgerechte Einstellung. Zu unserer Verteidigung kann ich allerdings anführen, dass von diesem Phänomen nicht nur zehnjährige Lausebengel befallen sind, sondern dass fast alle Menschen zumindest zeitweise von ihr betroffen sind.

Selbstüberschätzung (auch Vermessenheitsverzerrung, Hybris, overconfidence) ist eine Form der systematischen Fehleinschätzung eigenen Könnens und eigener Kompetenzen. Man kann drei Arten der Selbstüberschätzung unterscheiden: Einschätzung 1. der aktuellen Leistung, 2. Einschätzung der Leistung relativ zur Leistung anderer Menschen und 3. Einschätzung des eigenen Wissens. Die fünf Duisburger Straßenjungen dürften in allen drei Bereichen Spitzenwerte erzielt haben. Selbstüberschätzung ist keine generelle Persönlichkeitseigenschaft eines Menschen. Sie ist in der Regel kontextabhängig.1

Fazit: Dieses Gefühl der Stärke, dieses Selbstbewusstsein – ich möchte das Erlebnis, das in erster Linie unserer damaligen Dummheit zu verdanken war, nicht missen.

1Seite „Selbstüberschätzung“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 14. April 2017, 16:45 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Selbst%C3%BCbersch%C3%A4tzung&oldid=164560513 (Abgerufen: 5. Oktober 2017)

 

Nr. 3: Arbeit ist was für Dumme!

Heute stand ein Artikel über eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in meiner Zeitung (Oberhessische Presse vom 18.08.2017). Im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung wurden sechs Musterhaushalte untersucht; es wurde errechnet, wie viel von einem zusätzlich verdienten Euro übrig bleibt, wenn man Beiträge zur Sozialversicherung, Steuerzahlungen und den Entzug von Sozialleistungen berücksichtigt. So wird bei einem Mehrverdienst bei Beziehern von Arbeitslosengeld II der Mehrverdienst entsprechend gekürzt, so dass in diesem Musterhaushalt jeder zusätzlich verdiente Euro zu einer Mehrbelastung von mehr als €1,20 führte, oder anders ausgedrückt, jeder hinzu verdiente Euro sorgt für 20 Cent weniger in der Haushaltskasse. Bei Leuten, die €90.000 jährlich brutto verdienten, bleiben dagegen 66 Cent von jedem Euro übrig.

Dies ist ein schönes Beispiel einer unklugen und unintelligenten Regelung. Regeln sollten für alle gelten, in diesem Fall also für alle, die ihr Geld mit Arbeit verdienen. Diese Regelung ist aber nur für Leute von Vorteil, die gut – oder besser noch sehr gut – verdienen.

Letztere sind aber in der Regel diejenigen, die diese Regeln schaffen. Sie haben also schlau gehandelt: Sie profitieren ja davon, die Zeche zahlen andere.

Wenn ein Geringverdiener diese Regelung gut findet und etwa für diese Regelung verantwortliche Parteien wählt, dann ist das aus meiner Sicht nicht nur unklug, sondern auch unschlau, er hat ja den Schaden.

Je mehr die Spitzenverdiener ihre eigenen Privilegien zulasten der Normalbevölkerung ausdehnen, desto eher geht das in Richtung Unschlauheit; auf lange Sicht merken die von ihnen verachteten Dummköpfe vielleicht doch, dass beim Verdienst nicht nur Fachverstand und Fleiß zählen, es steigt die Gefahr sozialer Unruhen, die auch den Privilegierten Nachteile bescheren können.

Auf jeden Fall kann der Forderung des Vorstandsvorsitzenden der Bertelsmann-Stiftung nur zugestimmt werden, dass mit Reformen die Regelungen so aufeinander abgestimmt werden sollten, dass sich mehr Erwerbsarbeit für jeden lohnt. Das wäre klug.

Definitionen (siehe Nr. 1 und 2 dieses Blogs):
  • „Schlau“: Dient – zumindest kurzfristig – dem eigenen Vorteil, ohne Rücksicht auf die Belange der Mitmenschen.
  • „Klug“: Dient – auch längerfristig – dem eigenen Vorteil, berücksichtigt zudem auch die Interessen der Mitmenschen.
  • „Weise“: Ist nicht nur für das jeweilige Individuum und seine Mitmenschen längerfristig vorteilhaft, sondern sozusagen bis in alle Ewigkeit.
  • „Intelligent“: Jemand ist in der Lage, einen auch komplexen Sachverhalt zu verstehen, vernünftig und logisch zu denken und sich mit seiner Umgebung wirkungsvoll auseinanderzusetzen. Dieser Begriff wird moralisch neutral gebraucht, sowohl ein Herzchirurg als auch ein Serienkiller können hochintelligent sein.
Wenn man ein „un“ vor das Wort setzt (unschlau, unklug, unweise, unintelligent) ist damit das Gegenteil gemeint. Die Begriffe können sich sowohl auf Personen als auch auf Handlungen oder sprachliche Äußerungen beziehen.

 

Nr. 2: Was ist Intelligenz?

„Es gibt drei Arten der Intelligenz: die eine versteht alles von selber, die zweite vermag zu begreifen, was andere erkennen, und die dritte begreift weder von selber noch mit Hilfe anderer.“ (Nicholo Machiavelli, Der Fürst)

Diese Einteilung des italienischen Politikers, Philosophen und Dichters Machiavelli (1469-1527) ist gut geeignet, grob zu skizzieren, was ich hier unter Intelligenz verstehen möchte.

Noch treffender ist allerdings die Definition von David Wechsler (1896-1981), einem US-amerikanischen Psychologen rumänisch-jüdischer Herkunft. Er definierte Intelligenz als „die zusammengesetzte oder globale Fähigkeit des Individuums, zweckvoll zu handeln, vernünftig zu denken und sich mit seiner Umgebung wirkungsvoll auseinanderzusetzen“. Um diese Fähigkeit messen zu können, hat er Tests entwickelt. Diese bauen auf der Annahme auf, dass die Intelligenz sich aus verschiedenen Fähigkeiten zusammensetzt, etwa einem verbalen und einem praktischen Faktor, die sich auch wieder in Unterfaktoren unterteilen lassen.

Die von Wechsler 1939 erstmals veröffentlichte Testbatterie wurde in Deutschland 1956 als HAWIE (Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Erwachsene) publiziert. Im Jahre 2007 wurde der HAWIE durch eine überarbeitete Fassung, den WIE (Wechsler-Intelligenztest für Erwachsene) abgelöst.

Der WIE besteht aus 15 Skalen oder Untertests, die in vier Aufgabengruppen aufgeteilt sind:

  1. Sprachverständnis: Gemeinsamkeiten finden, Wortschatz-Test, Allgemeines Wissen, Allgemeines Verständnis.
  2. Wahrnehmungsgebundenes logisches Denken: Mosaik-Test, Matrizen-Test, Visuelle Puzzles, Formenwaage, Bilder ergänzen.
  3. Arbeitsgedächtnis: Zahlen nachsprechen, Rechnerisches Denken, Buchstaben-Zahlen-Folge.
  4. Verarbeitungsgeschwindigkeit: Symbolsuche, Zahlen-Symbol-Test, Durchstreich-Test.

Anhand von Normtabellen lässt sich die Leistung eines Probanden mit den Leistungen seiner Altersgruppe vergleichen, so lässt sich der sogenannte Intelligenzquotient (IQ) ermitteln. Die Intelligenz ist in der Bevölkerung – so die Annahme – in etwa normmalverteilt. Für den IQ wurde festgelegt, dass der arithmetische Mittelwert 100 und die Standardabweichung 15 betragen. Wenn jemand mit diesen Begriffen nichts anfangen kann, ist das nicht schlimm. Für unsere Zwecke ist wichtig: Wenn man die Normalverteilung grafisch darstellt, sieht sie aus wie eine Kirchenglocke. Oben ist eine Rundung, zu beiden Seiten neigt sie sich nach unten, zunächst recht steil, und dann biegen sich die beiden Linien nach außen und enden ganz flach. In der Mitte dieser Biegung, sozusagen in der Mitte des Glockenrandes, befinden wir uns jeweils 15 Standardabweichungspunkte vom Mittelwert, hier denken wir uns jeweils einen senkrechten Strich. Der waagerechte Strich, auf dem die Glocke steht, steht für den IQ. Genau in der Mitte der Glocke beträgt der IQ 100. Bei dem senkrechten Strich auf der rechten Seite beträgt der IQ 115 (100 + 15). Bei dem senkrechten Strich auf der linken Seite beträgt der IQ 85 (100 – 15). Die senkrechte Achse repräsentiert die Anzahl der Personen, die einem bestimmten IQ zuzuordnen sind.

Der größere Teil der Personen sind dem mittleren Bereich zuzuordnen, sie haben einen IQ zwischen 85 und 115. Diese bezeichnen wir als durchschnittlich intelligent.

Diejenigen mit einem IQ von 116 oder höher bezeichnen wir als überdurchschnittlich intelligent. Das sind etwa 16%.

Diejenigen mit einem IQ von 85 oder niedriger bezeichnen wir als unterdurchschnittlich intelligent. Das sind ebenfalls etwa 16%.

Die beiden abweichenden Gruppen ergeben zusammen also 32%; in der Mitte haben wir den großen Rest, 68% der Bevölkerung.

Übrigens: Als hochbegabt gilt jemand, dessen IQ um mindestens zwei Standardwerte vom Mittelwert abweicht, und zwar nach rechts. Der IQ beträgt dann mindestens 130. Zu dieser Elitegruppe dürfen sich etwa zwei Prozent der Bevölkerung rechnen. Das Ganze wird unten mit einer Grafik veranschaulicht.

Ein Gesamt-IQ kann sich ganz unterschiedlich zusammensetzen. Jemand kann einen Verbal-IQ von 85 und einen Handlungs-IQ von 115 haben, bei einem anderen kann es genau umgekehrt sein. Beide haben einen Gesamt-IQ von 100, aber ihre Begabungsschwerpunkte liegen auf unterschiedlichen Gebieten. Der eine ist vielleicht ein guter Journalist, der aber zwei linke Hände hat. Der andere mag ein guter Ingenieur sein, kann seine Gedanken aber schlecht in Worte fassen. Das alles sagt überhaupt nichts über den Wert oder Unwert eines Menschen aus.

Den Begriff unintelligent verwenden wir als Gegenteil von intelligent. Auf Personen bezogen bedeutet das, jemand ist intelligent, wenn er mindestens durchschnittlich intelligent ist, also zu dem überwiegenden Anteil der Menschheit (84%) gehört, während die anderen (16%) als unintelligent bezeichnet werden. Das soll keine Wertung sein, aber der negative Beigeschmack lässt sich wahrscheinlich nicht überdecken.

Auf Worte, Taten oder Regeln bezogen bedeutet unintelligent, dass hier etwas gemacht wurde, das nicht wirklich verstanden wurde. Dies kann entweder der Fall sein, wenn der oder die betreffenden Personen unintelligent sind, sie also nicht in der Lage sind, den zur Rede stehenden Sachverhalt verstandesmäßig zu durchdringen. Oder aber – und das ist der Normalfall – an sich intelligente Menschen handeln unintelligent, weil sie den zur Rede stehenden Sachverhalt verstandesmäßig nicht durchdrungen haben, obwohl sie grundsätzlich dazu in der Lage wären. Gründe hierfür können z.B. sein, dass sie sich nicht genug Zeit genommen haben, dass sie müde oder emotional sehr angespannt waren, dass sie sich nicht konzentriert haben oder auf die Worte eines vermeintlich intelligenten und ehrlichen Menschen vertraut haben.

Das Ziel unserer Überlegungen ist, die Häufigkeit unintelligentes Verhalten dadurch zu verringern, dass man sich etwa Zeit nimmt, nicht aus dem Bauch heraus entscheidet oder Menschen vertraut, die es ja leider nicht alle gut mit einem meinen.

 

Nr. 1: Einführung

Es ist kaum vorstellbar, dass etwas so häufig Vorkommendes und offensichtlich Unausrottbares wie die Dummheit keine Vorteile hat. Diese vor allem sollen in diesem Blog beleuchtet werden.

Dieser erste Beitrag dient der Begriffsdefinition.

Vieles, was über die Dummheit gesagt und geschrieben wird, leidet darunter, dass nicht deutlich wird, was jeweils unter Dummheit verstanden wird.

Menschen werden oft als dumm bezeichnet, darum geht es uns in diesem ersten Beitrag aber noch nicht. Es gibt aber viele eigentlich intelligente Menschen, die mitunter dumm handeln oder Blödsinn reden. Oder, anders ausgedrückt, es gibt dumme Handlungen, und es gibt dumme Äußerungen. Auch gibt es dumme Regeln, also etwa Gesetze.

Das Wort dumm vermischt verschiedene Aspekte, die hier auseinandergehalten werden sollen.

Wahlweise wird dumm als das Gegenteil von dumm schlau, klug, weise oder auch intelligent verstanden.

Aber was ist da der Unterschied?

Hier in meinem Blog wird darunter Folgendes verstanden:

  • „Schlau“: Dient – zumindest kurzfristig – dem eigenen Vorteil, ohne Rücksicht auf die Belange der Mitmenschen.
  • „Klug“: Dient – auch längerfristig – dem eigenen Vorteil, berücksichtigt zudem auch die Interessen der Mitmenschen.
  • „Weise“: Ist nicht nur für das jeweilige Individuum und seine Mitmenschen längerfristig vorteilhaft, sondern sozusagen bis in alle Ewigkeit.

Es wird hier also auch ein moralischer Aspekt berücksichtigt. Die Schlauheit ist egoistisch, die Klugheit moralisch zumindest neutral und die Weisheit stets ethisch einwandfrei.

Der Begriff Intelligenz ist wertneutral, er wurde in der psychologischen Wissenschaft entwickelt und definiert. Er bezieht sich eigentlich auf Personen, die – gemessen mit Intelligenztests – mehr oder weniger intelligent sein können. Er wird aber auch im Zusammenhang mit einzelnen Verhaltensweisen gebraucht. („Den Schlüssel in der Wohnung zu lassen und dann von außen die Haustür zuzuschlagen, war aber nicht sehr intelligent von dir.“) Ob der Begriff wirklich so wertneutral ist, wie er ursprünglich gemeint war, ist allerdings die Frage. Jedenfalls dürfte kaum jemand begeistert sein, wenn er in einem Intelligenztest schlecht abschneidet oder von anderen für wenig intelligent gehalten wird.

Das Problem des Wortes dumm ist, dass damit jeweils das Gegenteil der soeben erörterten Begriffe gemeint sein kann, es aber durchaus nicht immer klar ist, ob gerade das Gegenteil von schlau, klug, weise oder intelligent gemeint ist.

Im Folgenden geht es vor allem um die Wörter schlau und klug. Auf die Intelligenz gehen wir in unserem nächsten Beitrag ein, und die Weisheit überlassen wir den Philosophen.

Das Gegenteil von klug ist unklug, ein durchaus gängiger Begriff, der sich auch im Duden findet.

Das Gegenteil von schlau wird in meinem Blog als unschlau bezeichnet. Dieses Wort wird – wenn überhaupt – selten gebraucht, auch im Duden habe ich es nicht gefunden. Aber jeder kann sich wohl vorstellen, was damit gemeint ist. Hierunter  fallen etwa Verhaltensweisen, die unter dem Motto „dümmer als die Polizei erlaubt“ stehen, wenn also etwa wenn jemand unmaskiert eine Tankstelle überfällt, in der er erstens bekannt ist und zweitens eigentlich wissen müsste, dass dort eine Überwachungskamera ist. Der Begriff dumm wird in diesem Zusammenhang allerdings auch gebraucht, wenn etwa ein Einbrecher seinen frisch ausgestellten Personalausweis am Tatort lässt; hier dürfte es sich in der Regel aber nicht um Unschlauheit, sondern eher um Schusseligkeit handeln.

In unseren Beiträgen werden wir das Wort dumm weitgehend vermeiden und stattdessen von unklug bzw. unschlau sprechen.

Wir haben es also, um das Wesentliche noch einmal zusammenzufassen, mit folgenden beiden Begriffen und dem jeweiligen Gegenteil zu tun:

  • Klug. Eine Aussage, eine Handlung oder auch eine Regel ist klug, wenn sie – auch längerfristig – von Vorteil ist, wobei die Interessen der Mitmenschen berücksichtigt werden. Das Gegenteil ist
  • Eine Aussage, eine Handlung oder auch eine Regel ist schlau, wenn sie – auch längerfristig – für einen selbst von Vorteil ist, wobei die Interessen der Mitmenschen keine Rolle spielen. Das Gegenteil ist unschlau.