LGs Buchbesprechungen

LGs Buchbesprechungen Nr. 2018-01: Ross & Hilborn (2008)

Rezension von Ross, R. R. & Hilborn, J. (2008). Rehabilitating Rehabilitation. Neurocriminology for treatment of antisocial behavior. Ottawa: Cognitive Centre of Canada. ISBN 978-1-896310-05-3.

(Zu beziehen beim Cognitive Centre of Canada, Suite 294, 200 Rideau Terrace, Ottawa, Canada, K1M0Z3, with a cheque in currency equivalent to Canadian $29.50 + postage (for U.S. orders:$18.50 surface; $38.50 air; for Europe orders surface $21.50; air: $46.00.)

Es gibt kein besseres Mittel, das Gute in den Menschen zu wecken, als sie so zu behandeln, als wären sie schon gut.

Gustav Radbruch[i]

Das Reasoning and Rehabilitation Programm (R&R) ist ein kognitiv-behavioraler Ansatz, der zum Ziel hat, die Einstellungen und Verhaltensweisen von Straftätern zu verändern und damit deren Rückfallrisiko zu reduzieren. Es wurde von dem kanadischen Psychologen Robert R. Ross entwickelt, emeritierter Professor der Kriminologie an der Universität Ottawa, der auch zwölf Jahre lang Chefpsychologe im „Ministry of Correctional Services in Canada for juvenile and adult offenders“ war. Für seine Arbeit mit antisozialen jungen Menschen wurde er mit der „Centennial Medal of Canada“ ausgezeichnet.

Die Wirksamkeit des R&R – Startschuss war das Jahr 1986 – ist mittlerweile gut belegt, eine Meta-Analyse (26 Vergleiche zwischen Behandlungs- und Kontrollgruppen) ergab eine Senkung der Rückfallrate um durchschnittlich 14% (Tong & Farrington, 2006[ii]). Das R&R dürfte wohl die weltweit am häufigsten eingesetzte einschlägige Intervention sein; mittlerweile haben über 70.000 Probanden aus 22 verschiedenen Ländern – darunter Deutschland[iii], Hong Kong, Japan und die Vereinigten Arabischen Emirate – am R&R teilgenommen.

In dem hier rezensierten Buch werden für das R&R relevante neuere Forschungsergebnisse beschrieben, insbesondere auch zur „Neurocriminology“. Hier wurde etwa festgestellt, dass bei R&R-Teilnehmern, die sich prosozial verhalten, auch entsprechende prosoziale Verbindungen in ihrem Hirn gebildet werden (S. 233).

Solche Erkenntnisse wurden bei den „R&R2“-Programmen berücksichtigt, die mittlerweile vom „Cognitive Center of Canada“[iv] entwickelt wurden und ebenfalls in diesem Buch beschrieben werden. Die Originalversion umfasste mindestens 35 Doppelstunden, die neuen Varianten nur etwa die Hälfte. Ferner sind sie meist auf spezielle Zielgruppen zugeschnitten, etwa auf psychisch kranke Rechtsbrecher oder Angehörige von Straftätern.

In der Originalfassung werden in den Rollenspielen seitens der Teilnehmer mitunter auch antisoziale Rollen verkörpert. Dabei besteht die Gefahr – das kann der Verfasser aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen als R&R-Trainer[v] und R&R-Instructor[vi] nur voll und ganz bestätigen – dass die „Schauspieler“ den Beifall, den sie für ihre Darstellung erhalten, z.B. in der Form eines Lacherfolges, nicht auf ihre schauspielerische Leistung beziehen, sondern auf ihre antisozialen Äußerungen. Von daher ist ein neuer Grundsatz des R&R, dass die Teilnehmer keine antisozialen Rollen mehr verkörpern und darauf zu achten ist, dass prosoziales Verhalten und prosoziale Äußerungen verstärkt werden (S. 234-235).

Das R&R will nicht andere Interventionen bei Straftätern ersetzen. Es handelt sich um ein Training der sozialen Kompetenz, und nicht – darauf wird Wert gelegt – um „Therapie“ in dem Sinne, dass die Missetaten der Teilnehmer besprochen werden. Die Atmosphäre sollte eher einem VHS-Kurs entsprechen als einer Gruppe von Sündern, die sich gegenseitig Besserung geloben. Das dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass die Kurse von den meisten Teilnehmern gut angenommen werden. Von daher wird empfohlen, bei der Interventionsplanung etwa im Strafvollzug das R&R an den Anfang zu stellen, um die generelle Behandlungsbereitschaft zu fördern. Auch können so die Stärken und Schwächen der Teilnehmer besser eingeschätzt werden, was für die weitere Therapieplanung nützlich ist. Ferner trägt zur Akzeptanz bei, dass bestimmte Verhaltensweisen, die kontraproduktiv sind, seitens der R&R-Trainer unbedingt zu vermeiden sind. Der Verfasser dieser Rezension ist im Laufe seiner Tätigkeit als Instructor dazu gekommen, drei dieser Fehler als „Todsünden“ zu brandmarken: Erstens Teilnehmer herabzusetzen, zweitens den Moralapostel zu geben und drittens – wobei man streiten kann, ob es sich dabei wirklich um ein todeswürdiges Vergehen handelt – Monologe zu halten. Die Teilnehmer sollen nicht einschlafen, sondern sich von Anfang an aktiv beteiligen.

Dieses gut lesbare und mit britischem Humor – Ross ist in Schottland aufgewachsen – durchwirkte Buch kann allen empfohlen werden, die sich von Berufswegen mit dem R&R befassen, insbesondere natürlich Trainern und Instruktoren. Da aber auch viele grundsätzliche Probleme der Straftäterbehandlung angesprochen und entsprechende Forschungsergebnisse referiert werden, ist es darüber hinaus für alle interessant, die sich überhaupt mit der Resozialisierung von Straftätern befassen.

[i] Gustav Radbruch (1878-1949) war ein deutscher Politiker und Rechtswissenschaftler.

[ii] Tong, J. L. S. & Farrington, D. (2006). How effective is the “Reasoning and Rehabilitation” programme in reducing reoffending? A meta-analysis of evaluations in four countries. Psychology, Crime & Law, 22, 3-24.

[iii] Gretenkord, L. (2017). R&R – Das Reasoning and Rehabilitation Programm. In R. Müller-Isberner, P. Born, S. Eucker, & B. Eusterschulte (Eds.), Praxishandbuch Maßregelvollzug. Grundlagen, Konzepte und Praxis der Kriminaltherapie (3., erweiterte und aktualisierte Aufl.) (S. 433-441). Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.

[iv] https://www.cognitivecentre.ca/

[v] R&R-„Trainer“ oder „Coaches“ sind die in einem mindestens einwöchigen Kurs ausgebildeten Personen, welche die R&R-Kurse leiten.

[vi] Als „R&R-Instructors“ werden die Personen bezeichnet, die vom Cognitive Center of Canada qualifiziert und ermächtigt wurden, R&R-Trainer auszubilden.