LGs Journal Club. Nr. 2018-01

Seifert, D., Klink, M. & Landwehr, S. (2018). Rückfalldaten behandelter Patienten im Maßregelvollzug nach § 63 StGB. Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, 12, 136-148.

Was die Untersuchungen zur Rückfälligkeit psychisch gestörter Rechtsbrecher betrifft, setzt die hier vorgestellte Untersuchung („Essener prospektive Multizenterprognosestudie“) Maßstäbe. Es handelt sich um die bislang einzige deutsche prospektive Langzeitstudie, die zudem auf einen langen Katamnesezeitraum (im Mittel 16,5 Jahre) und eine große Probandenanzahl (N=321) zurückgreifen kann. Erneute Straftaten fanden sich bei gut einem Drittel der zwischen 1997 und 2003 entlassenen forensischen Patienten (R[1]1: 35,2%), erneuter Freiheitsentzug bei jedem sechsten (R2: 15,6%), schwerwiegende Delikte, Gewalt- und/oder Sexualstraften wurden von jedem achten begangen (R3: 12,8%).

Die Art und Häufigkeit erneuter Delinquenz variierten je nach Untergruppen.

Patienten mit schizophrenen Psychosen wurden deutlich seltener rückfällig als solche mit Persönlichkeitsstörungen oder Intelligenzminderungen (R3: 7,0% bzw. 22,5% bzw. 20,0%).

Betrachtet man die Art der Unterbringungsdelikte, weichen vor allem die Tötungsdelikte (weniger häufig rückfällig) und die Sexualdelikte ohne Anwendung von körperlicher Gewalt (häufiger rückfällig) vom Durchschnitt ab (R3: 5% bzw. 32,3%).

Die meisten Probanden wurden in den ersten drei Jahren nach der Entlassung rückfällig, deutlich weniger dann in den beiden Folgejahren. Danach stiegen die Zahlen zunächst wieder, wie es nach dem Wegfall der intensiven Nachsorge nach Ablauf der in aller Regel fünfjährigen Führungsaufsicht zu erwarten war.

In der Diskussion wird u.a. herausgestellt, dass es vor allem in der ersten drei Jahren nach der Entlassung einer sehr engmaschigen ambulanten Nachsorge sowie der Auswahl eines individuell geeigneten Empfangsraumes bedarf. Des Weiteren wurde auf der Grundlage der Bewährungshelferberichte herausgearbeitet, dass – so stellt es sich zumindest nachträglich dar – „einige der Rückfälle durch eine gewissenhaftere Wahrnehmung von Warnsignalen mit entsprechend frühzeitiger Reaktion des Gerichts (möglicherweise) hätten vermieden werden können. Darüber hinaus fanden sich weitere Fälle, die durch mangelnde Kommunikation zwischen Justiz und forensischer Ambulanz gekennzeichnet waren“ (S. 147).

Der Rezensent hofft, wie viele andere auch, die sich mit der Rückfälligkeit von Rechtsbrechern befassen, dass diese auch praktisch so überaus bedeutsame Problematik weiterhin mit solch sorgfältigen Untersuchungen beleuchtet wird. Damit lassen sich wissenschaftlicher Grundlage Erkenntnisse gewinnen werden, aus denen sich für die Praxis Handlungsanweisungen ableiten lassen, um die unvermeidliche Fehlerquote so gering wie möglich zu halten. Jeder Rückfall ist einer zu viel, aber auch jeder Tag, den ein nicht mehr rückfallgefährdeter Maßregelvollzugspatient in Unfreiheit verbringt, ist ein Tag zu viel.

[1] R steht für Rückfallkriterium.

Neue Publikationen von LG in Kobbé (2017)

Kürzlich ist ein neues Handbuch zur Legalprognose erschienen, herausgegeben von Ulrich Kobbé (2017): Forensische Prognosen. Ein transdisziplinäres Praxismanual. Standards, Leitfäden, Kritik (S. 87-97). Lengerich: Pabst Science Publishers. Zwei der Beiträge sind von mir, eine mit dem Titel: „Forensische Prognosen – eine Einführung“ (S. 51 – 66).

Der Titel des zweiten Beitrages ist: „Ist die (vorzeitige) Entlassung verantwortbar? Sieben Schritte zu einer wissenschaftlich, juristisch und ethisch fundierten Entscheidung“ (S. 87 – 97).

Prognosegutachten spielen eine wichtige Rolle, etwa bei der Frage, ob ein Rechtsbrecher vorzeitig aus der Strafhaft oder überhaupt aus einem unbefristeten Freiheitsentzug (Lebenslange Freiheitsstrafe, Sicherungsverwahrung, Maßregelvollzug gemäß § 63 StGB) entlassen werden kann. Es wird eine Vorgehensweise vorgestellt, die vor allem wissenschaftliche Gesichtspunkte in den Vordergrund stellt, wobei aber auch explizit auf juristische und ethische Fragen eingegangen wird. Mit einer schrittweisen Vorgehensweise werden die statistische und klinische Prognose integriert. Als idealer Gutachter wird jemand gesehen, der mit den Grundlagen wissenschaftlichen Denkens vertraut ist und seine Erkenntnisse auch für andere Berufsgruppen verständlich darlegen kann. Dazu muss er auch dem zu Begutachtenden gegenüber bereit und in der Lage sein. Ihm müssen seine Rolle als Gehilfe des Auftraggebers ebenso wie die Grenzen seiner Erkenntnismöglichkeiten bewusst sein.